Dietrich-Bonhoeffer-Schule will Kinder für Bücher begeistern …

Kann man eine Generation, die mit bunten Bildern auf dem Smartphone groß geworden ist, noch für Bücher begeistern? Die Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Lich versucht es mit konsequenter Leseförderung und vielen Aktionen rund um die Schulbibliothek.

In diesem Raum herrscht striktes Handyverbot. Trotzdem ist er voll mit jungen Leuten. Sie haben es sich mit Büchern im Sessel gemütlich gemacht, haben ein paar Brettspiele hervorgekramt oder liefern sich eine Runde Karten-Ubongo. Die Bibliothek der Dietrich-Bonhoeffer-Schule ist in den Pausen ein beliebter Treffpunkt. »Wenn’s draußen kälter wird, ist es hier noch voller«, sagt Irina Repp. »Dann sitzen sie auch auf dem Boden.« Die gelernte Ökonomin aus Russland ist seit bald zehn Jahren halbtags in der Bücherei beschäftigt, sie kennt die Gewohnheiten ihrer jungen Kundschaft.
Die Schulbibliothek ist an der DBS eine Institution. 1980 gegründet, wurde sie in den ersten Jahrzehnten ehrenamtlich betreut, hauptsächlich von Müttern. Doch weil heutzutage meist beide Eltern berufstätig sind, ist dieses Engagement passé. »Das Ehrenamt ist uns weggebrochen«, sagt Deutschlehrerin Anita Böckner-Böcher, die für die Bibliothek und die Leseförderung verantwortlich ist. Sie ist heilfroh, dass die Lücke mit Irina Repp geschlossen werden konnte. »Wir haben einen Bestand von fast 10 000 Büchern, den kann man nicht so nebenher pflegen.«
Und der Bestand ist wichtig. »Wir beziehen Lektüre fest in den Unterricht ein und haken mit verschiedenen Aktionen nach«, sagt Böckner-Böcher. Für die Fünftklässler zum Beispiel stehen jedes Jahr Projekttage rund ums Buch auf dem Programm, die Sechstklässler treten nicht nur zum Vorlesewettbewerb an, sondern bekommen auch Themen-Bücherkisten, die sie zum eigenen Lesen animieren sollen.

Wie aber bringt man eine Schülergeneration zum Lesen, die mit den schnellen, bunten Bildern von Smartphones und Computerspielen aufgewachsen ist? Wie macht man ihnen schwarze Buchstaben auf weißem Papier schmackhaft? Böckner-Böcher hat die Erfahrung gemacht, dass es ohne ein bisschen Druck nicht geht. »Vokabeln muss man ja auch üben, beim Lesen ist das nicht anders.« Im Klartext: Wenn sich die Kinder ein Buch als Lektüre für den Unterricht aussuchen, sollte es bitteschön nicht »Gregs Tagebuch« sein, das vor allem aus vielen lustigen Bildchen besteht. Ansonsten, in der Freizeit, ist leichte Kost natürlich okay. »Auch Comics dienen der Leseförderung«, weiß Böckner-Böcher. »Sie können den Schülern nicht immer nur mit pädagogisch wertvollen Titeln kommen.«
Aber der beste Weg, Kindern Lektüre nahe zu bringen, ist die Empfehlung Gleichaltriger. Deshalb gibt es an der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in jedem Jahr die Testleser-Aktion, bei der die Schüler Neuerwerbungen der Bibliothek auf einem Fragebogen bewerten dürfen. Die Teilnahme ist freiwillig und wird mit Gutscheinen belohnt. »Meine Klasse macht immer mit«, sagt Anita Böckner-Böcher.
In diesem Jahr ist es die G5a. Die Jungen und Mädchen haben die neuen Bücher, die Irina Repp eingebunden und auf einem Extra-Tisch präsentiert hat, schon einmal durchforstet und eine erste Auswahl getroffen. Lilly und Lisann zum Beispiel wollen sich zwei Bände der »Summer Girls«-Reihe vorknöpfen, Zoe hat ein neues Abenteuer der drei !!! gewählt (»wie die drei ???, nur mit Mädchen«), und Klara will den Roman »Plötzlich unsichtbar« lesen. Das Cover und der Klappentext über eine Superheldin von nebenan haben ihr gefallen. »Ich mag es, wenn anderen geholfen wird.« Der dicke Wälzer, den Yanic sich geschnappt hat, ist ein Klassiker und gehört schon länger zum Bestand. Harry Potter. Yanic hat die ersten Bände gelesen und kennt auch die ersten drei Filme. »Den vierten darf ich erst schauen, wenn ich das Buch fertig habe.«

Eine andere Aktion, die zum Lesen anspornen soll, ist die Prämierung der besten Leseklasse. Das ist die, die sich im Laufe eines Schuljahrs die meisten Bücher ausleiht. Zur Belohnung gibt es Eis-Gutscheine, die vom Förderverein der DBS finanziert werden. »Er unterstützt alle unsere Projekte«, sagt Böckner-Böcher. »Ohne diese Hilfe wäre vieles nicht möglich.«
Die besten Leseklassen der letzten Schuljahre kamen übrigens alle aus den Jahrgängen fünf und sechs. Das ist nicht untypisch. Die Beobachtung, dass in der Pubertät die Begeisterung fürs Lesen nachlässt, macht auch Irina Repp. Verallgemeinern lasse sich das aber nicht. »Manche Jugendliche lesen sehr, sehr viel.« Möglicherweise sind einige von ihnen ja durch den Unterricht dazu angeregt worden. Anita Böckner-Böcher jedenfalls freut sich, wenn Eltern ihr sagen: »Mein Kind hat bei Ihnen richtig lesen gelernt.«

Ulla Sommerlad, Gießener Allgemeine vom 24.10.2018