Energie aus Algen gewinnen …

von Ulla Sommerlad, Gießener Allgemeine vom 17.11.2018

Die Neunt- und Zehntklässler der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Lich tüfteln an einer Algenzuchtanlage. Ihr Ziel: regenerative Energie, die von jedem ganz einfach hergestellt werden kann.

Wenn Bernhard Krenig von seinen Schülern spricht, neigt er zu Superlativen. »Richtige Goldstücke« nennt er sie, »polierte Diamanten« oder »Die beste Gruppe, die ich je hatte.« Dabei sind Markus, Luke, Tim, Reilly Drake, Samira Celine, Enno und Marcel ganz normale Teenager. Nur ihr Interessensgebiet ist außergewöhnlich: die Algenzucht. Die sieben Neunt- und Zehntklässler bilden den harten Kern der Nitrotoxy-AG, die sich im Sommer 2017 an der Dietrich-Bonhoeffer-Schule gebildet hat. Nach einem Jahr intensiver Arbeit ist das Team seinem Ziel zum Greifen nahe: der Herstellung regenerativer Energie aus Algen.

Mittlerweile ist Nitrotoxy eine Schülerfirma unter dem Dach der IW Junior gGmbH in Köln. Hervorgegangen ist sie aber aus einer ganz normalen AG im Rahmen des nachmittäglichen Wahlpflichtunterrichts. »Regenerative Energie« lautete das Thema. Klingt eigentlich erstmal unspektakulär. Aber das Projekt, das die Schüler gemeinsam mit ihrem Lehrer entwickelten, ist richtig ehrgeizig. Sie wollen Biomasse produzieren und verstromen. Sie wollen dabei keine landwirtschaftliche Fläche in Anspruch nehmen. Und sie wollen den Materialaufwand so gering halten, dass ihre Idee auch in abgelegenen Weltgegenden in die Praxis umgesetzt werden könnte. So landeten sie, wie Luke erzählt, schnell bei den Algen. Die wachsen richtig schnell, sofern sie genug Wärme, Licht und Sauerstoff bekommen. In großen Anlagen werden sie schon längst gezüchtet. Die Schüler der DBS aber wollten etwas, das kostengünstig und simpel ist.

Bislang gibt es die Algenzucht made in Lich nur auf dem Papier und im Modell. Aber sie hat schon einige Wellen geschlagen. Ende Oktober, beim hessenweiten Unternehmertreff der Junior-Schülerfirmen im großen Saal der IHK in Darmstadt, haben die Licher Jugendlichen mit ihrem Projekt vor mehr als 150 Zuhörern großes Aufsehen erregt. »Das Feedback war Spitze«, erzählt ihr Lehrer. Zudem hat die Stiftung Bildung in Berlin knapp 5000 Euro bewilligt. Mit dem Geld kann das Nitrotoxy-Team in die Praxisphase einsteigen. In Eigenleistung bauen die Schüler auf dem Schulgelände eine kleine Forschungsstation in einer Holzhütte aus dem Baumarkt.

Wie genau ihre Algenzucht funktioniert, wollen die Schüler noch nicht verraten – Firmengeheimnis. Nur soviel: Sie sei genial, weil sie so einfach sei. Und viel preisgünstiger als Solar- oder Windenergie. »Jeder soll es machen können«, sagt Markus. Im kleinen Modell hat die Anlage funktioniert. Ob sie es auch in der Praxis tut, werden die nächsten Monate zeigen. Aber schon jetzt hätten die Schüler ganz wesentliche Dinge gelernt, findet Bernhard Krenig. Sie haben nämlich nicht nur die Idee entwickelt. Sie haben die Stiftungsgelder selbst beantragt und den Papierkram zur Gründung der Schülerfirma erledigt.

»Konzepte schreiben, Fördergelder beantragen, damit verbringt man auch an der Uni viel Zeit«, sagt der Lehrer. Der 53-Jährige muss es wissen. Er hat, wie er erzählt, nach dem Referendariat selbst eine Weile in Forschung und Wirtschaft gearbeitet, ehe er in den Schuldienst zurückkehrte. Was ihn an seinen Schülern am meisten beeindruckt, ist neben ihren naturwissenschaftlichen Kenntnissen ihr Durchhaltevermögen. Längst nicht alles habe auf Anhieb geklappt. »Ich hätte nicht gedacht, dass sie nach den Sommerferien wieder auf der Matte stehen.«

Jetzt, nach dem Erfolg bei der Stiftung und der guten Resonanz in Darmstadt, sind die Schüler umso motivierter. Mittlerweile treffen sie sich an vier, bei Bedarf sogar an sechs Stunden wöchentlich. Meistens wird gearbeitet. Es wird aber auch viel gelacht und manchmal sogar getanzt. »Wir sind nicht immer produktiv«, meint Tim, aber sein Lehrer widerspricht: »Doch! Das ist auch produktiv.« Und die jungen Forscher geben ihm Recht. Denn auf die Frage, was sie zu ihrer Arbeit motiviert, antworten sie fast wie aus einem Mund: »die Community«.