Wie Licher Schüler mit dem Weltall vernetzt sind …

Gießener Allgemeine Zeitung vom 29.08.20 von Ursula Sommerlad

Über eine Datenbank sind Schüler aus Lich mit der Internationalen Raumstation ISS vernetzt. Jetzt informierte sich Digitalministerin Kristina Sinemus über ihre spannenden Experimente.

Mit dem Pak Choi hatten die Schüler Pech. Die asiatische Kohlpflanze ist in ihrem Mini-Labor an der Dietrich-Bonhoeffer-Schule nicht angegangen. Der Wasabi wuchs dafür umso prächtiger. Allerdings nicht so schnell wie auf der ISS. Dort nämlich sprießt eine Pflanze aus der gleichen genetischen Familie, und die Besatzung der Internationalen Raumstation hat mit ihr gleichen Experimente gemacht wie die Mitglieder der Licher Schüler-AG. Der Clou: Die ISS und die DBS tauschen ihre Daten regelmäßig aus. Möglich macht es das ExoLab, jenes Minilabor von der Größe eines Schuhkartons, das über eine Datenbank mit der ISS und weiteren 45 Schulen weltweit verbunden ist. Die Daten können zwischen verschiedenen Ländern und Kontinenten, zwischen Erde und Weltall in Echtzeit abgerufen und verglichen werden. Auf diese Weise kann man herausfinden, wie Pflanzen reagieren, wenn die Schwerkraft fehlt.

Viele Kooperationspartner

Das ist spannend. So spannend, dass auch Hessens Digitalministerin Prof. Kristina Sinemus mehr über das Experiment wissen wollte. Gestern Vormittag kam sie zu einem eineinhalbstündigen Besuch nach Lich. Dort traf sie nicht nur Schüler und Lehrer, sondern auch die Vertreter all jener Organisationen, die das Projekt „Schulen im Weltraum“ erst möglich gemacht haben. Darunter auch Rainer Schwarz und Jens Ihle, den Aufsichtsratsvorsitzenden und den Geschäftsführer des Regionalmanagements Mittelhessen, das die Beteiligten zusammen gebracht hat.

Beim ExoLab-Projekt kooperieren Schulen, Medienzentren, Unterstützter aus der regionalen Wirtschaft und das Startup CodeDoor, das sich die Vermittlung von IT-Wissen zum Ziel gesetzt hat. „Wer das Lernen lernt, dem steht die Welt offen“, sagt Karan Deghani, der CodeDoor mitbegründet hat.

Für den organisatorischen Rahmen von „Schulen im Weltraum“ sorgt das Maus-Medienzentrum. „Das Projekt kann den Mindset von Schulen verändern“, sagt dessen Leiter Jochen Leeder. „Die Teilnehmer gewinnen einen anderen Blick auf unseren Planeten.“ Im Physikraum ließ sich Sinemus, eine promovierte Biologin, später von Tim Bareuther aus der G 10b und seinen ausschließlich männlichen Mitstreitern in der AG erklären, wie der Versuch mit dem Wasabi vonstatten gegangen ist. „Mich interessiert, wie die Schule Euch neugierig macht“, sagte sie.

Deutschland lebe ganz erheblich vom Forscher- und Erfindergeist, heißt es in einer später verbreiteten Pressemitteilung der Ministerin. Die Förderung der MINT-Fächer sei wichtig, um Schüler und ganz besonders auch Schülerinnen für die Naturwissenschaften zu begeistern.

Sinemus lernte weitere Projekte kennen, die Lehrer Bernhard Krenig , der Leiter der AG, mit verschiedenen Schülergruppen in Angriff nehmen möchte. Versuche zur Insektenökologie gehören genauso dazu wie ein Virenstaubsauger oder ein besonderer Desinfektionsmittelspender, der die Verbreitung von Sars CoV 2 eindämmen soll. Auch die Schülerfirma Nitrotoxy, die zu regnerativen Energien forscht, kam zur Sprache.

Neue Experimente mit Bohnen

In der ExoLab-AG geht es ebenfalls weiter Das Wasabi-Experiment ist abgeschlossen, beim aktuellen Versuch mit Kuhbohnen soll es um die Frage gehen, ob die Pflanzen für ihr Wachstum Stickstoff aus der Umgebung aufnehmen können. Man wolle auch die Proteinzusammensetzung der Pflanze analysieren lassen um herauszufinden, ob andere Leguminosen Soja als Viehfutter ersetzen können. Es gehe also nicht nur um Weltraumforschung. „Das Projekt hat auch Nutzen für uns auf der Erde“, sagt Krenig.

„Ich finde das Projekt toll“, sagte die Ministerin und machte den Fünft- bis Zehntklässlern deutlich, dass zu ihrer Zeit als Studentin der Informationsaustausch in Echtzeit noch undenkbar gewesen sei. „Wir mussten alles kopieren und von A nach B tragen.“

Besuch bei der ESA?

Der Besuch der Ministerin könnte Folgen haben. Sinemus kommt nämlich aus Darmstadt, jener Stadt, in der das Kontrollzentrum der Europäische Weltraumorganisation ESA zu Hause ist. Und weil sie von dem Engagement der Licher Schüler und ihres Lehrers so beeindruckt war, will sie ihnen einen Besuch dort ermöglichen. „Das nehmen wir gerne an“, sagte Krenig. Und, wer weiß. Vielleicht kommt es dort mit etwas Glück auch zu einer Begegnung mit ESA-Astronaut Alexander Gerst.

DBS Lich – wo es klemmt

Schulleiter Peter Blasini nutzte die Visite von Hessens Digitalministerin, um auf zwei Probleme an seiner Schule aufmerksam zu machen. Erstens die Raumnot der DBS, die binnen zehn Jahren ihre Schülerzahl von 380 auf nun 800 mehr als verdoppelt hat. 30 Schüler in einem Saal – laut Blasini in Zeiten von Corona „eine Katastrophe“.

Das zweite Problem ist die Digitalisierung, über die der Direktor nur einen Satz verlor: „Sie ist bescheiden.“ Sinemus versprach: „Das wird besser.“ Laut Pressemitteilung der Ministerin sollen bis 2022 nahezu alle Schulen an das Highspeed-Netz angebunden sein.